Wir bewegen uns auf unserer Reise durch Russland langsam immer weiter nach Osten und gelangen heute endlich in eine große Region mit dem Namen Ferner Osten. Diese Region ist recht vielfältig, weshalb wir mehrere Texte brauchen werden, um sie vollständig abzudecken.

Heute werde ich über ein interessantes und zugleich seltsames Föderationssubjekt schreiben, das Jüdisches Autonomes Gebiet heißt. Es ist die einzige Region Russlands mit diesem juristischen Status eines „autonomen Gebiets“. Es handelt sich um eines der vielen „kuriosen“ Experimente der sowjetischen Macht. Die Geschichte der Juden in Russland ist mit dem sogenannten Ansiedlungsrayon verbunden, einer Liste von Regionen, in denen Juden im Russischen Reich wohnen durften. Bis zur Revolution waren Juden in weiten Teilen Russlands nur schwach vertreten, während sie in einigen Regionen des heutigen Belarus, der Ukraine, Lettlands, Litauens und Polens die Mehrheit stellten. Bis zur Katastrophe) bildeten Juden in Städten, die uns heute als rein slawisch erscheinen, wie Minsk, Witebsk oder Odessa, die überwältigende Mehrheit der Bevölkerung und riefen bei der autochthonen Bevölkerung etwa dieselben Gefühle hervor, die die heutigen Londoner oder Brüsseler empfinden, wenn sie sehen, wie viele eigentliche Engländer bzw. Belgier in diesen Städten noch leben. Der Unterschied besteht darin, dass Juden dort nicht lebten, weil sie es besonders wollten oder aus denselben sozioökonomischen Gründen, aus denen heutige Migranten dazu neigen, nahe beieinander zu wohnen, sondern weil es ihnen in anderen Regionen praktisch verboten war, sich niederzulassen. Das unterschied sich grundlegend von der Lage der Juden etwa in Deutschland oder Böhmen, wo sie so stark eingedeutscht waren, dass man sie meist kaum von den eigentlichen Deutschen unterscheiden konnte. Deshalb begrüßte übrigens die lokale Bevölkerung Osteuropas größtenteils auch die Maßnahmen der Nationalsozialisten gegen ihre jüdischen Nachbarn, und schon zuvor kam es mit beneidenswerter Regelmäßigkeit zu Pogromen. Nicht umsonst ist dieses Wort aus dem Russischen in alle europäischen Sprachen eingegangen. Aber darum geht es hier nicht.

Aschkenasen war es fast überall in ihrem gesamten Siedlungsgebiet untersagt, in der Landwirtschaft zu arbeiten. Und selbst dort, wo man es ihnen später doch erlaubte (ich spreche hier vor allem von Westeuropa), wollten sie es nicht mehr tun, weil sie sich über viele Jahrhunderte hinweg nie damit beschäftigt hatten. Deshalb lebten sie im Russischen Reich stets entweder in großen Städten oder in sogenannten Mestetschki oder Schtetln. Das waren kleine Städte (also "Städtlein") oder Dörfer, in denen sie dennoch einen städtischen Lebensstil führten und Handwerk sowie Handel betrieben, nicht aber Landwirtschaft.

Dieser Zustand gefiel der sowjetischen Führung nicht, und man wollte Juden an Gemüsegärten, Kühe und Roggen heranführen. Damit sie nicht auf die Idee kamen, es zu wagen, mit ihrer Anwesenheit andere Völker zu verunsichern, wies man ihnen ein Gebiet zu, in dem praktisch niemand lebte. Dieses Gebiet heißt heute Jüdisches Autonomes Gebiet, mit der Hauptstadt Birobidschan. Anfangs lief alles recht gut an. Für die Juden wurde eine [?] Infrastruktur geschaffen, mit einem jüdischen Theater und einer Synagoge, und in Schulen wurde Jiddisch unterrichtet. Die Umsiedlung in diese Region stellte die sowjetische Macht als eine beneidenswerte Alternative zur Auswanderung nach Israel dar. Die Verfolgung der Juden durch die Nationalsozialisten machte sie noch attraktiver. Doch bereits in den 1950er-Jahren, als die sowjetische Führung begann, ihre Pläne eines agrarisch geprägten Charakters der Region tatsächlich umzusetzen, geriet die jüdische Kultur in den Niedergang. In den 1990er-Jahren, als sich die Grenzen öffneten, wanderte nahezu die gesamte jüdische Bevölkerung der Region nach Israel aus.

Heute leben in dem Jüdischen Autonomen Gebiet zu 97,7 % ethnische Russen, was sie ironischerweise zu einer der russischsten Regionen Russlands macht. Im Jahr 2020 lebten dort 837 Juden. Dennoch ist sie, abgesehen von Israel selbst, die einzige administrative Einheit auf der Welt, die zumindest nominell jüdisch ist. Jiddisch ist dort die zweite Amtssprache, und an staatlichen Einrichtungen hängen Schilder auf dieser Sprache. Die wichtigste Universität der Region trägt den Namen Scholem Alejchem, des berühmten jüdischen Schriftstellers. Und zum Gouverneur werden dort demonstrativ gern Personen mit jüdisch klingenden Nachnamen ernannt.

Gerade wegen seiner kurzen jüdischen Geschichte und der heute eher komischen Beschilderung [?] auf Jiddisch in einer Region, deren Bevölkerung fast vollständig russisch ist, ist dieses Gebiet bekannt. Ich denke nicht, dass man es unbedingt besuchen muss, aber falls ihr doch einmal dort landet, wundert euch nicht, wenn ihr Schilder mit jüdischen Buchstaben seht.

  • Schönen guten Morgen. Du hast heute wieder keinen Fehler gemacht Bogdan. Du kannst wirklich sehr stolz sein. Du schreibst besser als einige Muttersprachler. Hier meine Kommentare.

    Für die Juden wurde eine [?] Infrastruktur geschaffen

    Ich musste seeeeehr lange darüber nachdenken und ich habe immernoch keine Lösung gefunden. In meinem Kopf gibt es Argumente für "Infrastruktur" mit und ohne Artikel. Ich finde hier kannst du es so stehen lassen. Wenn ich gute Argumente finde melde ich mich nochmal bei dir.

    und der heute eher komischen Beschilderung [?]

    Ja das kannst du ohne Probleme so sagen.

    Von dieser Region hatte ich tatsächlich bereits gehört. Ich dachte aber, dass es sie heute nichg mehr gäbe. Da lag ich wohl falsch. Eine Region mit einer wirklich interessanten Geschichte. Danke für deinen Text.

    Schönen guten Tag!

    In meinem Kopf gibt es Argumente für Infrastruktur mit und ohne Artikel

    Siehste? Ihr kommt selber nicht mit dieser teuflischen Erfindung klar. Wollen wir sie vielleicht doch abschaffen? 🥺

    Danke dir für das Lob und die Mühe, die du dir gegeben hast. Einen schönen Tag noch und bis morgen!